Stellungnahme von S4F Wien, Niederösterreich und Burgenland zum Bau der sogenannten „Stadtstraße“

Die Auflösung der Versammlung im „Camp Wüste“ durch die Polizei und die Drohungen gegen Besetzer*innen mit existenzgefährdenden Schadenersatzforderungen zeigen, dass die Stadt Wien gewillt ist, den Bau der Stadtstraße unter allen Umständen durchzuführen. Deshalb weisen Scientists for Future Wien in einer Stellungnahme eindringlich darauf hin, dass dieses Vorhaben nicht mit den Klimazielen vereinbar ist, die sich die Stadt Wien selbst gesetzt hat, und ebensowenig mit dem globalen Ziel, die Erderwärmung auf 1,5°C zu beschränken. Ein weiterer Ausbau des Straßennetzes, wie ihn die Stadt Wien plant, würde zu einer Zunahme der Verkehrsbelastung führen. Sozialer Wohnbau darf nicht vom Bau neuer hochrangiger Straßen abhängig gemacht werden.

Es folgt der Wortlaut der Stellungnahme:

Obwohl die Wissenschaft seit Jahrzehnten warnt und die Forschungsergebnisse und Klimamodelle ein glasklares Bild der enorme Bedrohungslage für die kommenden Jahrzehnte zeichnen, ist das Problem noch nicht in den Köpfen vieler politischer Akteur:innen angekommen.

S4F-Wien möchten daher insbesondere im Hinblick auf den geplanten Bau hochrangiger Straßen zur Anbindung der Seestadt noch einmal klar festhalten, dass diese Projekte die Klimaschutz-Ziele der Stadt-Wien, von Österreich, die Ziele des Pariser Klimaabkommens und insbesondere auch die Ziele des jüngsten Klimagipfels in Glasgow gefährden.

Für das Einhalten des 1,5°-Limits müssen unmittelbar und ohne weitere Verschleppung und Verzögerung Maßnahmen getroffen werden, die zu einer raschen und starken Senkung der CO2-Emissionen führen. Andernfalls werden wir bereits in den nächsten 10 Jahren diesen als kritisch anerkannten Schwellenwert erreichen und überschreiten. Ein weiteres Ansteigen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre wird zu einer Destabilisierung unseres Klima-Systems führen. Der ungebremste Temperatur-Anstieg gefährdet unsere Lebensgrundlagen, unseren Wohlstand und die gesellschaftliche Stabilität. Dazu zählen:

  • Vermehrtes Auftreten von Wirbelstürmen, Starkregen-Ereignissen und Überflutungen sowie ausgedehnten Hitze- und Dürreperioden in Österreich
  •  Der Verlust aller Korallen-Riffe, 25% aller Fischarten und 50% der Biomasse in den Weltmeeren
  •  Destabilisierung des Monsun-Systems, von dem Milliarden Menschen in ihrer Ernährung abhängen
  •  Der Verlust des Amazonas-Regenwaldes, der “grünen Lunge” unserer Erde
  •  Das Auftauen von Permafrost-Böden im Arktischen Raum, wodurch große Mengen von Treibhausgasen freigesetzt werden
  •  Das Abschmelzen der Eisschilde und ein Anstieg des Meeresspiegels von bis zu einem Meter bis zum Ende des 21. Jahrhunderts

Vor diesem Hintergrund ist eine Verknüpfung von sozialem Wohnbau an eine hochrangige Straßenanbindung nicht nachvollziehbar. In Anbetracht der Bedrohungslage durch die Klima- und Biodiversitätskrise ist klar, dass sämtliche Projekte auf ihre Verträglichkeit mit unserem gemeinsamen Ziel der Stabilisierung des Klimas hin geprüft und diesem Ziel auch untergeordnet werden müssen. Kurzfristige und kurzsichtige wirtschaftliche und politische Interessen dürfen nicht länger über das für uns alle so wichtige Ziel der Stabilisierung unseres Klima- und Ökosystems gestellt werden. Klima- und Umweltschutz müssen absolute Priorität genießen.

Es ist wissenschaftlich evident, dass sich der Verkehrsaufkommen vor allem nach dem Angebot an Straßen richtet. Je besser das Straßennetz, desto mehr wird mit dem ineffizientesten aller Verkehrsmittel, dem Auto, gefahren. Ein Ausbau des Straßennetzes, wie von der Stadt Wien vorgesehen, wird daher in wenigen Jahren zu einer starken Zunahme der Verkehrsbelastung für die Anwohner:innen führen. Das hat schwere Folgen für die Gesundheit der lokalen Bevölkerung und wird die CO2-Emissionen weiter in die Höhe treiben. Dabei gehören Konzepte wie autofreies Wohnen seit Jahren zu den innovativen Werkzeugen zukunftsfähiger Stadtplanung. Auch der Großteil der Stadtentwicklungsgebiete wurde vorausschauend bereits entlang höchstrangiger ÖV-Achsen geplant.

Wir als Gesellschaft müssen uns der Tatsache stellen, dass ein weiter wie bisher, ein fortgesetztes Unterordnen von Klima- und Umweltstabilität gegenüber kurzfristigen Wirtschafts- und Politik-Interessen, fatale Konsequenzen für uns alle haben wird. Die Wirtschafts- und Verkehrs-Konzepte der Vergangenheit haben uns dahin geführt, wo wir heute stehen. Lösungen und Antworten für die Zukunft bieten sie nicht. Wir brauchen neue Verkehrskonzepte, neue Stadtplanung und eine neue Wirtschaft, wenn wir möchten, dass auch die kommenden Generationen eine Zukunft haben.

Scientists for Future Wien, 11. 12. 2021




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